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Hinter dem Horizont geht’s weiter

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Systemische Wege und Lösungen für Beratung und Erziehung

 

 

17,80 EUR

Produkt-ID: ISBN 9783940789013  

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Inhalt

Janine Born
Vom Nutzen der Hirnforschung für die systemische Praxis

Frank Natho
Systemische Trauerarbeit – Bedeutung und Grundlagen einer seelsorgerlichen Arbeit in der Heimerziehung

Helmut Bonney
Biologische und soziale Systeme bei ADHS-Konstellationen

Jürgen Hagens
„Was, wenn Erziehung ein Spiel wäre...“

Cornelia Tsirigotis
„Wir haben so viel geschafft!“ - Systemisches und ressourcenorientiertes Arbeiten mit Eltern von behinderten Kindern

Johannes Herwig-Lempp
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Von Macht, Verantwortung und Widerstand

Hans Worthmann
Systemische Beratung von erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung in Einrichtungen der Behindertenhilfe

Jan-H. Obendiek
Systemische Sicht- und Herangehensweisen in Beratung und Erziehung von Jugendlichen, die alkoholabhängiges Verhalten zeigen

Claus Hild
Wenn Erziehungsberatung zur Strafe wird – gerichtsnahe Beratung systemisch gestaltet

Martin Neumann
Führen und Folgen in Balance - eine neue Beziehungsqualität in Beratung und Erziehung mit Übungen des Taiji Quan erfahren

Gabriele Kluwe-Schleberger und Yvonne Bierbrauer
Zur Integration von Psychotraumatherapie und Traumatisiertenpädagogik – Aspekte eines salutogenetischen Konzepts in der stationären wie ambulanten Jugendhilfe.

Iris Winkelmann
Eltern und Betreuer/innen als Ressource in der stationären Jugendhilfe

Vorwort des Herausgebers
Frank Natho


Hinter dem Horizont geht’s weiter …

Hinter dem Horizont geht´s weiter – Systemische Wege und Lösungen in Beratung und Erziehung. So lautete das viel versprechende Thema der zweitägigen überregionalen systemischen Fachtagung in Halberstadt. Eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt und nicht gerade eine Hochburg der Familientherapie. Aber wie sich zeigte, lockte das Tagungsthema immerhin rund 300 Menschen aus verschiedenen Teilen der Republik in die Stadt der vielen Kirchen und des inzwischen berühmten Domschatzes. Dieser provinzielle Horizont wurde damit schon einmal überwunden. Nun stellt sich rückblickend die Frage, ob dies auch inhaltlich gelang. Doch welche fachlichen Horizonte waren gemeint und was gab es dahinter für die angereisten Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen und Ärzte noch zu entdecken? Berufsgruppen, von denen ja gelegentlich klischeehaft behauptet wird, dass ihre Vertreter bereits schon alles wissen. Für die angereisten systemisch denkenden Kollegen dieser Berufsgruppen ist es dagegen fast Pflicht, den eigenen Horizont oder auch den des Klienten immer wieder zu verlassen, um neue Deutungen und Erklärungen für alte, vielleicht auch problematische Muster oder Verhaltensweisen von Klienten zu finden. Sie sind darin geübt, die so genannten Erklärungskontexte zu verlassen und neue Wirklichkeiten oder sogar Lösungen zu erfinden. Es gibt inzwischen unzählige systemische Fachbücher, die wissenschaftliche Theorien und Methoden zur Horizontüberschreitung in Beratung und Erziehung vermitteln, was soll es da noch Neues geben?

Die eigene Wirklichkeit, den eigenen Horizont überwinden, ist eine wesentliche Grundidee der Familientherapie, aus der sich in den 1990er Jahren die Systemische Therapie und Beratung entwickelte. Die Pioniere der Familientherapie, viele von ihnen sind inzwischen verstorben, richteten zunächst ihren Blick weg von den einzelnen Patienten hin zu dessen Familie. Sie behaupteten, dass bestimmte Familiendynamiken, Beziehungen oder die Kommunikation in der Familie verantwortlich dafür wären, dass Menschen psychische Störungen oder unerwünschte Verhaltensauffälligkeiten entwickelten. Eine für die 1960er Jahren recht ungewöhnliche Sichtweise, die den damaligen psychotherapeutischen Horizont weit überstieg, aber allmählich zur Entwicklung völlig neuer Konzepte in Beratung, Therapie und später auch in Erziehung führten. Damals stellte die Idee, dass es hinter dem individuellen Horizont weiter geht, anerkannte und bewährte Therapieverfahren und Erziehungsansätze in Frage. Inzwischen sind die Familientherapie und die vielen systemischen Konzepte, die sich daraus entwickelten, anerkannt und in die Jahre gekommen. Das Revolutionäre ist verschwunden und dennoch lebt die Idee weiter, dass es hinter dem Horizont noch viele neue Wege und Lösungen für die unterschiedlichsten Probleme in Beratung und Erziehung gibt. Davon waren zumindest die Lehrenden des Instituts für Fortbildung, Supervision und Familientherapie Halberstadt (FST) überzeugt, die diese Tagung organisierten und durchführten. Unterstützt wurde das Systemische Weiterbildungsinstitut in Halberstadt von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF).

Mit dem Thema unserer Tagung nahmen wir als Veranstalter diese, die Systemische Therapie und Beratung auszeichnende Haltung auf und weckten bei den Teilnehmern vermutlich auch die Erwartung, dass die von 22 Referenten gehaltenen Vorträge und Workshops neue Anregungen zur Lösung der ganz alltäglichen beruflichen Problemtrance enthalten. Ich denke, dies ist uns als Vorbereitungsteam und den vielen Referenten gelungen und ich halte es für lohnenswert, einige Horizontüberschreitungen bzw. Anregungen und Ideen hier darzustellen. Das vorliegende Buch enthält eine Auswahl besonders beeindruckender Ergebnisse und Ideen aus der systemischen Praxis.
An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen beiden Kolleginnen Frau Dr. Janine Born und Frau Isabell Martin, mit denen ich das Vorbereitungsteam bildete, bedanken. Für uns war dies die erste Fachtagung, die wir in dieser Größenordnung vorbereiteten und wir haben das gemeinsam gut gemacht. Das bestätigen auch viele anerkennende Mails, die ich in der Woche nach der Tagung erhielt. Natürlich hängt das Gelingen einer Tagung in erster Linie von den Referenten und ihren Vorträgen und Workshops ab und so gilt ihnen mein besonderer Dank. Die durchweg fachkundige inhaltliche Darstellung und Auseinandersetzung mit den Themen machte die Tagung zu einem erfolgreichen Ereignis in Halberstadt, der kleinen Stadt am Harz.
Als Organisator der Tagung und als Leiter des Instituts für Fortbildung, Supervision und Familientherapie (FST) Halberstadt möchte ich mich auch bei den vielen Teilnehmern, die teilweise von weit her angereist sind, für ihr Interesse und Kommen bedanken.
Halberstadt März 2009


Vorwort des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung (DGSF)
Jochen Schweitzer

… aber wo genau liegt denn derzeit der Horizont?

Gruß- und Vorworte zu schreiben gehört zu den schönsten Nebentätigkeiten einer Verbandsvorsitzenden-Tätigkeit. Die Lektüre dieses abwechslungsreichen Buches hat mir Gelegenheit geboten, über aktuelle „Horizont-Konstruktionen“ systemischer Therapeutinnen und Berater - zumindest der Referentinnen und Referenten der hier dokumentierten Halberstädter Tagung - nachzudenken. Was ist mir aufgefallen, neben der großen Breite und Heterogenität der Themen und Ansätze?

Da ist einmal der häufiger gewordene Bezug zur Neurobiologie, den schon die DGSF-Tagung 2008 in Essen „Systemische Hirngespinste“ inszenierte. Da sind zweitens die vergleichsweise neueren, bislang selteneren Anwendungsgebiete, auf die sich die Praxis der systemischen Therapie offensichtlich ausgedehnt hat - insbesondere die Arbeit mit erwachsenen Menschen und Kindern mit Behinderungen, mit traumatisierten Menschen, mit Familien in ADHS-Konstellationen. Da sind drittens die feineren, trauma-, bindungs- und ressourcentheoretischen Ausarbeitungen einer bereits sehr ausdifferenzierten systemischen Praxis in der Jugendhilfe. Da ist viertens die größere Bereitschaft, sich in früher eher gemiedene Kontexte wie die gerichtsnahe Erziehungsberatung hineinzuwagen, in denen Aufträge für die systemische Beraterin nicht von den unmittelbaren Nutzern einer Dienstleistung, sondern von einer Kontrollinstanz kommen. Da ist fünftens die Freude daran, "Systemisches und Anderes" (wie z.B. das Taiji Quan) intensiver miteinander zu kombinieren. Und da ist schließlich ein Versuch, systemisches Arbeiten und politischen Widerstand in einen Zusammenhang zu setzen.

Eigentlich sollten Vorwortschreiber - und vorwortschreibende Verbandsvorsitzende allemal - es vermeiden, einzelne Aufsätze eines Herausgeberbandes hervorzuheben. Ich tue es im Folgenden dennoch. Nicht, weil ich diese Aufsätze besser geschrieben oder innovativer finde als die anderen, sondern weil sie Themen aufgreifen, die mir für die Politik der systemischen Szene allgemein und der DGSF im Besonderen am Herzen liegen.
Das beginnt mit den Beiträgen von Cornelia Tsirigotis und Hans Worthmann. Behinderungen und insbesondere geistige Behinderungen galten jahrelang unausgesprochen als ein für die systemische Therapie nicht so richtig geeignetes Arbeitsfeld - ähnlich wie Demenz oder Autismus. Denn wie sollten da partizipative Dialoge mit den Klienten stattfinden, wie sollten sie auf zirkuläre Fragen über ihre Beziehungsmuster antworten, wie konnten die Therapeuten wissen, ob sie deren epistemologische Grundannahmen wirkungsvoll verstörten? Hans Worthmann zeigt, dass man aus der Beobachtung des Tuns geistig Behinderter gut auf ihre interaktionalen Motive schließen und im Gespräch mit den Betreuern darauf geeignete Reaktionen finden kann. Cornelia Tsirigotis zeigt, wie „Mr. Hörschaden“ anschaulich externalisiert und seine Dominanz des Familienlebens begrenzt werden kann.

Die systemische Therapie im deutschen Sprachraum hat es Helmut Bonney zu danken, dass es zur Ritalin-dominierten Behandlungspraxis eine theoretische Kritik und praktische Alternativen gibt. In diesem Buch ist es ihm gelungen - nach meiner Wahrnehmung knapper und klarer als in früheren mir bekannten Aufsätzen - die darauf basierende systemische Behandlungspraxis anschaulich darzustellen.

Ermutigend finde ich den Beitrag von Johannes Herwig Lempp, mit dem er die unter Systemikern in den Hintergrund geratene Handlungsfigur des „Widerstand leistens“ widerbelebt. Dass Familientherapeuten - und ihr Verband - sich in politische Auseinandersetzungen rund um die Lebenslagen und sozialpolitische Behandlung von Familien wieder mehr einmischen sollten, ist ein Credo in unserem jetzigen DGSF-Vorstandskollegium, an das uns die Mitglieder ruhig häufig genug erinnern sollten.
Zurück zum Horizont: mir scheint, das Buch zeichnet nicht die Konturen eines Horizontes, hinter dem es dann in eine Richtung weiterginge, sondern gleich eine gewisse Anzahl von Horizonten, von denen aus es nur sternförmig weitergehen kann.

Das ist nicht unanstrengend, - wer läuft schließlich gerne gleichzeitig in unterschiedliche Richtungen, und das noch mit Tempo? Aber es dürfte die aktuelle Lage der systemischen Therapie - und auch der DGSF als eines ihrer großen Fachverbände - gut charakterisieren: dass parallel einige (nicht mehr so viele wie in der Gründungszeit) grundsätzliche theoretische und praktische Innovationen einhergehen mit Neuanwendungen in neuen Praxisfeldern, mit neuen theoretischen Querverweisen und Grundierungen, mit dem Dialog mit anderen Beratungsansätzen und -praktiken, mit immer wieder aufflackernden ideologischen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen erkenntnistheoretischen Positionen.

Vor wie hinter dem Horizont scheint in der systemischen Therapie und Beratung weiterhin viel „auf dem Weg“ zu sein. Frank Natho und seinen Leuten ist es gelungen, eine erstaunlich große Teilnehmerschar „auf den Weg nach Halberstadt“ und schnell danach dieses abwechslungsreiche und informative Buch auf den Weg zu bringen. Dazu möchte ich auch im Namen meiner Vorstandskolleginnen und -kollegen herzlich gratulieren.

Heidelberg, Ostern 2009
Jochen Schweitzer

Das Buch erschien im Juli 2009
ca. 160 Seiten, kartoniert

Die Auslieferung erfolgt portofrei direkt vom Verlag gegen Rechnung.

 

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