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Der Baum
Es ist Ende August. Die Tage werden schon etwas kühler, doch heute scheint die Sonne noch einmal mit voller Kraft. Ich fühle die Wärme auf meiner Haut und denke: "Eigentlich müßtest du diesen schönen Sommertag noch einmal genießen, bevor es wieder Herbst wird." Wie gedacht, so getan. Ich hole die Liege aus der Garage, meinen Sonnenhut und ein Buch aus dem Wintergarten und lege mich in die Nähe des Schwimmbeckens in die Sonne. Das Buch bleibt liegen, denn eine freche Amsel nimmt meine Aufmerksamkeit voll und ganz in Anspruch. Sie kommt vom hohen Baum herunter, hüpft über den Rasen, zieht einen Wurm aus der Erde und schwups ist sie wieder auf den Ast zurückgekehrt und trällert ein paar Töne vor sich hin. Ob sie sich dort auf dem Baum sicher fühlt? Es ist eine sehr kräftige alte Eiche, die dort schon seit mindestens 150 Jahren ihre Äste gen Himmel reckt und bestimmt noch vielen anderen Tieren Schutz bietet. Meine Gedanken fangen an, um Vogel und Baum zu kreisen: "Wie emsig und fleißig auch der kleine Vogel ist, er ist doch nur ein flüchtiges Bild des Lebens. Die Eiche dagegen steht seit Menschengedenken am gleichen Fleck und war schon für den Schwiegervater, der das Haus hier bauen ließ, ein Bild der Ruhe und Beständigkeit. Solch ein Baum ist und bleibt doch etwas Besonderes für uns Menschen. Seit Urzeiten bietet er uns Schutz und sein für uns so unentbehrliches Holz. Das erste und auch das letzte Bett des Menschen ist aus Holz und auch in der Zeit dazwischen sind wir überall von Holz umgeben." Inmitten dieser leichten Gedankenspielerei fiel mir der alte, etwas derbe Männerspruch ein, den ich, wie viele andere, bisher einfach nur so dahin gesagt hatte: "Ein Mann muß in seinem Leben einen Sohn zeugen, ein Haus bauen, einen Baum pflanzen und ein Buch schreiben." "Das ist ja gar kein dummer Kneipenspruch", durchfuhr es mich. Denn das Sprichwort sagt in seinen beiden ersten Aufgaben sehr zielgerichtet zum Mann: "Gib das Leben, das du ohne dein Zutun empfangen hast weiter und sorge zusätzlich dafür, daß dein Kind ein Dach über dem Kopf hat." Wogegen die beiden folgenden Aufträge viel weiter gehen. Sie sagen: "Arbeite nicht nur für dich und deine Familie, sondern tue etwas für die Zukunft der Allgemeinheit. Du weißt zwar nicht, wer in 200 Jahren unter deinem Baum sitzen wird, aber mit dem Pflanzen des Baumes tust du etwas für deine Nachwelt." Und sie sagen mir: "Behalte deine Gedanken nicht für dich, sondern schreibe sie auf. Du weißt zwar nicht, wer dein Buch einmal lesen wird, aber du hast etwas hinterlassen, was ein Baustein im Denken eines anderen Menschen sein könnte." So ist dort bei der Begegnung mit dem Baum mein Entschluß gereift: "Schreibe das, was dir in deinem Leben begegnet ist auf und sage deinem Leser ganz ehrlich: "Was da geschrieben steht sind meine Erkenntnisse aus meinen Begegnungen." Ich verlange nicht, daß jemand meine Erkenntnisse teilt, aber ich lade ihn ein, mit meinen Gedanken in ein Gespräch zu kommen und sich zu fragen: "Welche Begegnungen haben denn mein Leben mit geprägt?" Allein schon mit dieser Frage im Herzen lohnt es sich, die eine oder andere meiner Geschichten zu lesen und die Bilder dazu anzuschauen, um das Gelesene, das Gesehene und das selbst Erlebte zu durchdenken. |
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Zeichnung: Rosemarie Bahn
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